Rock’n Rolls

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Rock’n Rolls

Man muss nicht unbedingt der Meinung sein, dass das Auto das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen ist*, aber dieser Sektor spiegelt die Entwicklungen und die industriellen Herausforderungen einer Nation oftmals gut wider. So kann man sich beispielsweise fragen, ob legendäre Modelle von Rolls-Royce und Bentley wie Phantom, Ghost und Continental keine Vorzeichen des Brexit am 29. März 2019 waren …

Vor zwei Jahren, am 23. Juni 2016, stimmten 51,9 % der Untertanen Ihrer Majestät für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Bis heute, weniger als neun Monate vor dem schicksalhaften Tag, wurde jedoch kaum etwas geregelt. Dieser Mangel an Greifbarem veranlasste den für Zollfragen zuständigen BMW-Manager Stephan Freismuth zu folgender Aussage im Hinblick auf die Fertigung bei Rolls-Royce: „Wenn am Ende des Tages aber die Lieferkette einen Stopp an der Grenze machen muss, dann kann BMW seine Produkte nicht in Großbritannien produzieren.“

Bereits 1998 mussten die Briten eine bittere Pille schlucken, denn eine Nobelmarke wie Rolls-Royce mit ihrer geflügelten Kühlerfigur „Spirit of Ecstasy“ wurde von BMW übernommen, während Bentley Teil des Volkswagen-Imperiums wurde.

Das heutige Szenario ist noch extremer, denn man muss davon ausgehen, dass die Produktion von Rolls-Royce auf den Kontinent verlagert wird. Dabei handelt es sich nicht um eine politische, sondern um eine rein pragmatische Entscheidung: 90 % der Teile, die im Rolls-Royce-Werk im 200 km vom Eurotunnel entfernten Goodwood verbaut werden, stammen vom europäischen Kontinent. Gleiches gilt für BMW, an dessen Standort Hams Hall bei Birmingham jede Minute einer der Drei- oder Vier-Zylinder-Ottomotoren vom Band läuft, mit denen die gesamte Modellpalette des Herstellers ausgestattet wird.

Auch das Beispiel Honda verdeutlicht die bevorstehenden Probleme. Das Unternehmen unterhält zwei Lagerstandorte in der Nähe von Swindon für zwei Millionen Teile, die an den Montagebändern seines einzigen europäischen Werks verbaut werden. Bis Lieferungen vom Kontinent diese Lager erreichen, dauert es 5 bis 24 Stunden. Aufgrund seiner Erfahrungen mit dem amerikanischen Zoll und den gigantischen Staus an der Ausfahrt des Eurotunnels will der japanische Hersteller seine Teile auf dem Seeweg transportieren. Das würde bedeuten, dass Teile für neun Produktionstage gelagert werden müssten. Dafür wäre ein 300.000 m2 großes Gebäude notwendig, das zu den größten der Welt zählen würde und fast so groß wie das Tesla-Werk in Kalifornien, aber dreimal so groß wie das größte Lagergebäude von Amazon in den USA wäre …

Brexit und „Just in Time“ passen also nicht zusammen, solange keine Einigung in Zollfragen besteht. Dies ist eine Bedrohung für den gesamten britischen Automobilsektor, der angesichts von Umsätzen in Höhe von 93 Mrd. EUR im Jahr 2017 (1,1 % des BIP, 9 % der Wertschöpfung) einen entscheidenden Sektor für die Wirtschaft des Königreichs darstellt.

Wegen der Drohung der US-Regierung mit Zöllen auf europäische Autoimporte benötigt dieser Sektor dringend Transparenz in Bezug auf den Ablauf des Brexit. 1971 wurde Rolls-Royce gerettet, indem das Unternehmen verstaatlicht wurde, und 1998 wurde es von den Deutschen übernommen … Könnte dieses Juwel der Dreißigerjahre, dieses Symbol für ein strahlendes Großbritannien letztendlich für den Triumpf der Europäischen Union stehen?

 

* Mythologies, Roland Barthes, Seuil, 1957

 

Didier LE MENESTREL
in Zusammenarbeit mit Olivier de Berranger

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